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Vom Verschweigen und Mitschweigen

 Lesung in Deiderode mit dem ehemaligen GT-Redakteur Jürgen Gückel aus "Klassenfoto mit Massenmörder"

Deiderode. Er ist kein Unbekannter in der Gemeinde Friedland. Über viele Jahre hat der ehemalige Redakteur des Göttinger Tageblattes Rats- und Ortsratssitzungen besucht, hat über die Kommunalpolitik geschrieben und die Partnerschaft der Friedland-Gemeinden in vier europäschen Staaten begleitet. Jürgen Gückel, der selbst 14 Jahre lang in der Gemeinde Friedland wohnte, ist inzwischen im Ruhestand und zum Autor historisch-biografischer Literatur geworden. Sein Erstlingswerk, das inzwischen in zweiter Auflage im Wissenschaftsverlag Vandenhoeck und Ruprecht vorliegt, behandelt das unfassbare Leben eines SS-Massenmörders, der nach dem Krieg zum geachteten Dorfschullehrer wurde - zu Jürgen Gückels erstem Lehrer. 

Am 11. Juli, 19.30 Uhr, wird Gückel in der evangelischen Kirche in Deiderode, seinem ehemaligen Wohnort, aus dem Werk "Klassenfoto mit Massenmörder" lesen. Gastgeber ist der Heimat- und Kulturverein Deiderode. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Wegen der Corona-Beschränkungen können maximal 45 Zuhörer zugelassen werden. Darum wurde gleich ein zweiter Lesungs-Termin für den 14. November, 19.30 Uhr, geplant. Telefonische Anmeldungen sind unter den Telefonnummern 0176 4318 4363 an Ariane Meise-Conteh und 0171 6568 255 an Patricia Deisel notwendig.

"Ich musste mich beim Lesen immer wieder ermahnen, dass dies kein Roman ist - sondern eine wahre Geschichte." Das schrieb jüngst eine Geschichtslehrerin dem Autor von "Klassenfoto mit Massenmörder". "Man mag es einfach nicht glauben, aber es ist ja alles mit Quellen belegt." Die unglaubliche Geschichte über das Doppelleben des einstigen SS-Hauptsturmführers Artur Wilke, der in die Rolle seines Bruders schlüpfte, der zur Tarnung in Bigamie lebte und heimlicher Agent der britischen Besatzungsmacht wurde, ist tatsächlich Stoff für großes Kino. Gerade arbeitet der Autor der bekannten Regisseurin Nora Fingscheidt ("Systemsprenger") zu, die an einem Drehbuch für einen Spielfilm über Wilkes Familiengeschichte für Kino und ZDF arbeitet. Denn 1961 war der falsche Lehrer, der als vermeintlicher Onkel inzwischen treusorgender Vormund seiner eigenen leiblichen Kinder geworden war, aufgeflogen. Er war kein Lehrer, er war studierter Theologe - und empfand doch bis zu seinem Lebensende keine Reue dafür, viele Tausend Menschen bei Massenerschießungen von Juden, bei Gettoräumungen und beim Auslöschen ganzer Dörfer im Partisanenkampf ermordet zu haben. Für 6600 Morde wurde er schließlich verurteilt.

Das eigentlich Erschütternde an dem Buch aber ist: So wie die Täter nach dem Kriegsende über die Greuel in Osteuropa schwiegen, so schwieg die Nachkriegsgesellschaft mit. Gückel macht das am Beispiel seines Heimatdorfes bei Peine deutlich, in dem der Massenmörder unbehelligt 13 Jahre lang mehr als 1000 Schüler unterrichten durfte - und alle, die zumindest etwas hätten ahnen können, schwiegen mit. Und selbst nach der Verurteilung - ja gar bis zur Veröffentlichung des Buches - wurde über den Fall des falschen Lehrers im Dorf weiter geschwiegen. Noch heute mögen viele, gar Ortspolitiker, an den Fall des mörderischen Lehrers nicht erinnert werden. Kein Einzelfall, wie Gückel bei seinen Lesungen immer wieder zu hören bekommt...

Lesung aus "Klassenfoto mit Massenmörder", Jürgen Gückel

ev. Kirche Friedland-Deiderode

Sonnabend, 11. Juli 2020, 19.30 Uhr, und

Sonnabend 14. November 2020, 19.30 Uhr

 Telefonische Anmeldung erforderlich!

Signierstunde bei gutem Wetter im Anschluss an die Lesung auf dem benachbarten Thie, Deiderode




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